Der Ernährungswahnsinn

Auf der Fruit Logistica, die im Februar in Berlin stattfand, staunte man darüber, was inzwischen so alles importiert wird.

Wenn wir im Supermarkt stehen, haben wir die Wahl zwischen hunderten von Joghurts, exotischen Früchten und „Superfood“, ein Begriff der in den letzten Tagen schlagartig im Bekanntheitsgrad zulegte. Gojibeeren aus China und Chiasamen aus den Anden, die laut einer Untersuchung von Ökotest, gar nicht die Wundermittel sind, als die sie angepriesen werden. Sondern belastet mit Keimen und Giften. Auch nicht schlimmer, als unsere heimischen Lebensmitteln, wird der ein oder andere nun erwidern. Die sind ja auch mit Glyphosat und Antibiotika belastet. Und anstatt sich richtig darüber zu informieren, wie viel tausend Liter Bier man trinken müsste, um in einen „kritischen“ Bereich zu kommen, oder einfach mal beim nächsten Bauer vorbeizuschauen und sich aufklären zu lassen, dass eben nicht in jedem Futter Antibiotika beigemischt ist, dreht man sich lieber weg und reichert sich das Müsli mit Gojibeeren an. Diese sind zwar belastet, aber weil sie eine so weite Anreise nach Deutschland hatten, sind sie etwas ganz besonderes. Und deshalb ist man auch gewillt, gutes Geld dafür zu bezahlen. Ganz im Gegensatz zu Schweinefleisch, Milch oder Brot. Da sind 2,99 €, 0,55 € bzw. 2 € schon zuviel. Hinter den Gojibeeren steht man mit voller Überzeugung, hinter den heimischen Produkten leider nicht.

Wir sind uns dem was wir haben nicht mehr bewusst

Ich glaube, dass die riesige Auswahl in den Supermärkten zu zwei Bewegungen führt: Es fördert die Gruppe der Verbraucher, die sich sehr, sehr intensiv mit ihrer Ernährung beschäftigen. Und damit meine ich jetzt nicht die Frage, ob Schokolade oder Kaffee gesund sind oder nicht. Vielmehr bewirkt die riesige Auswahl, dass man sich darüber Gedanken macht, ob ein Ei am Tag zu viel ist, man sich lieber für die vegetarischen oder veganen Hackbällchen entscheidet, oder den Joghurt mit 0,2 % Fett oder 0,3 %, das Müsli mit Getreide oder lieber mit Pseudeogetreide, oder ob man seinen täglichen Bedarf an Gojibeeren auch tatsächlich schon gedeckt hat. Wir haben zu viel Zeit und es fehlt die Not, dankbar für Essen zu sein. Manch einer definiert sich inzwischen sogar darüber, von was er sich ernährt, bzw. von was eben nicht. Hier sei die Edelhefe genannt, die den Geschmack von Käse simulieren soll. Manchmal frage ich mich schon, was mit einer Gesellschaft passiert ist, in der man auf Käse verzichtet, aber mit Edelhefe den Käsegeschmack simuliert. Und das auch noch zum abendfüllenden Thema wird. Nie wurde so viel über die eigene Ernährung diskutiert und ich diskutiere heute (einmalig!) mal mit.

Die riesige Auswahl im Supermarkt fördert als Gegensatz, so glaube ich, aber auch die Gruppe der Verbraucher, die sich überhaupt keine Gedanken über Lebensmittel macht. Diejenigen, die abends satt vor dem Fernseher sitzen. Denen es egal ist, was sie essen. Die am liebsten so wenig, wie möglich für Lebensmittel ausgeben wollen (die Gruppe der Verbraucher, die nur wenig Geld für Lebensmittel ausgeben KÖNNEN, meine ich damit nicht) und sich darüber ärgern, dass die Landwirte bessere Preise für Milch, Fleisch und Gemüse fordern. Diejenigen, denen nicht bewusst ist, dass ohne diese Landwirte morgens kein Brot, keine Eier, keine Milch auf dem Frühstückstisch stehen würden, sondern nur die noch viel teureren Gojibeeren, Chiasamen oder Norialgen. Dieser Gruppe von Verbrauchern ist es egal, woher das Essen kommt, Hauptsache es ist billig.

Was das für mich bedeutet

Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich mir vor dem Essen nicht stundenlang überlegen möchte, ob mein Essen vegan, biologisch oder exotisch genug ist. Ob mein Abendessen auch meine Persönlichkeit widerspiegelt und auch wirklich außergewöhnlicher ist, als das vom Nachbarn. Ich möchte essen, was mir schmeckt und dabei für mich selbst ein gutes Gefühl haben. Aus der Diskussion um „Superfood“ nehme ich mit, dass ich in Zukunft noch mehr auf Regionalität achte und versuche, mit meinem Einkauf die heimische Landwirtschaft zu fördern – so als Gegenbewegung. Und ich möchte in Zukunft nicht an jeder Ecke von irgendjemandem vollgequatscht werden, der oder die mich von seiner oder ihrer absolut gesunden, völlig rohen oder tierproduktfreien Ernährung überzeugen möchte.

Was ich mir aber wünsche ist, dass sich der ein oder andere darüber bewusst wird, welch wertvolle Lebensmittel auch auf den deutschen Feldern produziert werden. Und das es auch diese Lebensmittel wert sind, dass man ordentliche Preise für sie bezahlt.

3 Comments

  • Britta sagt:

    Liebe Anja,
    Du sprichst mir aus dem Herzen und ich würde alles geschriebene hier unterschreiben!
    Wir am Bodensee haben das Glück, dass hier viel Obst & Gemüse wächst und so achten Herr B. und ich soweit es möglich ist, dass regionale Produkte auf den Tisch kommen. Fleisch kaufen wir nur beim Dorfmetzger unseres Vertrauens.
    Liebe Grüße Britta

    • Anja Anja sagt:

      Liebe Britta, ich möchte mich nicht als „Gutmensch“ hinstellen und behaupten, dass wir immer nur regionale Produkte kaufen. Im Winter schneide ich mir auch mal eine Mango in den Obstsalat. Und die kommt eben auch aus Peru. Aber ich denke, wir sollen uns einfach wieder dessen bewusst werden, was u.a. auch Saison bedeutet. Mit eigenem Garten weiß man das ganz genau. Im Sommer kaufen wir eigentlich weder Obst noch Gemüse. Das kommt alles aus dem Garten oder aus unserem Hofladen (Obst kaufen wir bei einem Landwirtskollegen zwei Ortschaften weiter). Und auch, wenn dieses Obst aus konventioneller Landwirtschaft kommt, ist es wahrscheinlich noch ökologischer, als Erdbeeren aus Ägypten. Viele Grüße an den Bodensee, Anja

  • Britta sagt:

    Ich finde es einfach auch schön, mich auf die saisonalen Früchte & Gemüse zu freuen … im Moment halte ich schon Ausschau ob bei uns in die Häusle der Spargelbauern stehen 🙂 … mit den Erdbeeren dauert es ja leider noch ein bisschen.

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