Wenn man einen Bauern liebt

Für viele ist es vielleicht nicht ganz offensichtlich, aber wenn sich eine „Normalsterbliche“ in einen Bauern verliebt, dann ändert sich ihr Leben von Grund auf. Warum? Weil das Leben in der Landwirtschaft anders funktioniert. Saisonaler, enger familiär und häufig mit einem anderen Tagesablauf.

Als ich vor fast neun Jahren meinen Freund an der Uni kennenlernte, wusste ich als Studentin der Agrarwissenschaften zwar theoretisch, wie Landwirtschaft funktioniert. Wie anders mein Leben mit einem Bauern an meiner Seite werden würde, davon ahnte ich noch nichts.

„Ich muss Dünger streuen!“

Doch bereits in unserem ersten gemeinsamen Frühjahr, bekam ich einen Vorgeschmack, wie die nächsten Monate und Jahre laufen werden. Mitten in der Vorlesung stand mein Lieblingsbauer auf, packte seine Sachen und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich muss heim, Dünger streuen. Komm heute Nacht oder morgen früh wieder.“ Klar, das Wetter war gut, der Dünger musste gestreut werden – egal was ansonsten ansteht. Da kann weder eine Vorlesung noch eine Freundin aufhalten.

Und dieses Erlebnis ist nur ein kleines Beispiel dafür, dass man sich als Freundin eines Bauern dem Betrieb und dem Wetter geschlagen geben muss. Der landwirtschaftliche Betrieb steht immer an erster Stelle. Er ist das Einkommen, er ist der Lebensmittelpunkt. Alles andere wird „außenrum organisiert“ – auch die Beziehung. „Bauer-sein“ ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung, eine Lebenseinstellung. Das gleiche gilt für das „Bäuerin-sein“.

Das musste ich damals hinnehmen – oder ich hätte es lassen können. Dann hätte ich jetzt wahrscheinliche einen anderen Partner. Ich habe also akzeptiert, dass ich meinen Freund im Frühjahr und Sommer recht selten zu Gesicht bekam („Ich muss grubbern!“, „Ich muss Weizen säen!“, „Ich muss die Bewässerung umstellen!“, „Wir dreschen heute Gerste!“). Und inzwischen habe ich mich an den Rhythmus gewöhnt und motze auch nicht mehr ganz so häufig. Im Winter hat er ja dann auch wieder ein bißchen mehr Zeit für mich.

Neuseeland – für eine Person!

Damals, in unseren ersten gemeinsamen Semestern, habe ich mich dann ganz besonders auf die Semesterferien gefreut. Viel Zeit auf dem Liegestuhl, Baggersee, Urlaub. Während meines gesamten Studiums lag ich in den Ferien alleine auf dem Liegestuhl und am Baggersee. Und im Urlaub war ich auch alleine. „Urlaub brauch ich nicht!“, hat er gesagt mein Lieber. Und ich habe EIN Ticket nach Neuseeland gekauft, dann EIN Ticket nach Thailand, dann EIN Ticket nach Australien. Ich habe Urlaub gemacht, er hat gearbeitet – und wir waren beide zufrieden. Inzwischen hat auch mein Lieblingsbauer eingesehen, dass Urlaube toll sind und Energie geben für den stressigen Rest des Jahres. Deshalb habe ich die letzten Urlaube immer für zwei Personen gebucht. Länger als fünf Tage geht das zwar nur im Winter, aber das ist unser Kompromiss damit wir gemeinsam Urlaub machen können.

Die saisonale Arbeitsbelastung und die Arbeitstage, die in der Landwirtschaft auch mal von 5 Uhr in der Früh bis kurz vor Mitternacht gehen können, sind aber nicht die einzigen Punkte, die eine Beziehung mit einem Bauern anders machen. Dazu gehört auch, dass man immer und überall zu spät kommt, weil der Liebste erst „fünf-vor-zwölf“ vom Traktor fällt – und dann nicht weiß, was er anziehen soll (Arbeitshosen kommen auf 70. Geburtstagen meist nicht so gut an).

Das volle Paket Familie

Da mein Freund seinen landwirtschaftlichen Betrieb nicht von seinen Eltern übernommen hat, bleiben mir andere Faktoren des „Bäuerin-werden“ erspart. Wir leben alleine. Durch meine Arbeit als Redakteurin weiß ich aber, dass die Familie des Bauern auf einigen Höfen zum Problem werden kann. Denn auf Bauernhöfen sind häufig Vater, Mutter und oft auch Oma, Opa und Geschwister räumlich sehr nah – wenn nicht sogar im selben Haus. Und man kann sich vorstellen, dass es zu einigen Konflikten führen kann, wenn der Bauer seine neue Freundin (Stadtfrau, keine Ahnung von Landwirtschaft) zu sich auf den Betrieb holt. Dann ist gegenseitige Rücksichtnahme das A und O. Aber wenn sich eine Frau wirklich und ehrlich in einen Bauern verliebt, weiß sie, dass sie ihn nicht von Grund auf ändern kann – und wird seine Lebensart irgendwann nicht nur respektieren, sondern ebenfalls lieben.

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